EWA  KWASNIEWSKA

REALISMUS-ATELIER

TEXTE   ZUSCHRIFTEN    

ZWISCHEN  IRONIE  UND  MAGIE

Ewa Kwasniewska präsentiert vier rätselhafte Bilder, deren Motive sowohl Ironie als auch Magie beinhalten.





Aus hastig aufgerissenen Paketen lugen oder glotzen ein exotisches blaues Vogelei, eine venezianische Pestmaske, eine Gasmaske sowjetischer Bauart und ein Totenschädel mit mexikanischer Bemalung. Die Arrangements sind auf einer Art Bühne platziert, die das Artefizielle, das Unwirkliche und Kuriose der Präsentation unterstreicht.

Ironisieren die Pakete mit ihrem sonderbaren Inhalt etwa den ausufernden Online-Handel? Tatsächlich kann man ja im Internet jederzeit praktisch alles bestellen. Sammlerstücke bis hin zu Kunstwerken werden durch ihre allfällige Verfügbarkeit der Trivialität des Konsums preisgegeben.

Die reduzierte, geradezu düstere Farbgebung und die einem Ritual ähnliche Präsentation der Objekte lassen aber auch eine ganz andere Interpretation zu. Die Motive könnten für Geburt, Krankheit, Krieg und Tod stehen, die Verpackung für das Verdrängen in das Unbewußte. Wie in einem Albtraum aber zerreißen die Schichten des Vergessens und schreckliche Erinnerungen tauchen aus der Versenkung auf. Werden in den Bildern persönliche Traumata in verschlüsselter Form bewußtgemacht und damit verarbeitet?

Die vier ca. 30 x 30 cm großen Bilder sind in Trompe l'oeil-Manier gemalt, wodurch ihre Rätselhaftigkeit verstärkt wird. Das bis hin zum Bilderrahmen augenscheinlich Greifbare  erweist sich als trügerisch und hintergründig.

Freienwil, Februar 2017

R. Grosna

  

   EIN KOSMOS DES SCHEINBAR ALLTÄGLICHEN 

Einleitung zum Buch "Ewa Kwasniewska 2006 - 2011"

Sind sie ernster geworden, die Bilder der Ewa Kwasniewska? Mitunter sind ihre neueren Arbeiten verstörend und unheimlich. Wie die Künstlerin wieder und wieder den weißen Teddybären inszeniert – mit Gasmaske, an Stelzen gebunden oder in ein metallenes Laufgestell gezwängt – ,ruft das die Erinnerung an das polnische Sprichwort "Strach ma wielkie oczy" wach, "Die Furcht hat große Augen". Starre weit aufgerissene Knopfaugen. Das ursprünglich Niedliche wird zum Unheimlichen entfremdet.

Es wirkt auch nicht eigentlich beruhigend, wenn in diesem Buch dem genial bedrückend gemalten Bild „Verfeuert“ ein zauberhaft heiterer „Wiesendschungel“ gegenübergestellt wird. In Zeiten gewaltiger Naturkatastrophen und globaler Umweltzerstörungen wirkt die delikat gemalte Wildflora schon beinahe wie ein Abgesang, eine ferne, melancholische Erinnerung an längst Verlorenes. 

 

Oder die Situation mit der brackigen Pfütze. „Vergiftet“ heißt der programmatische Titel der Arbeit. Hat es da jener Teddy nicht besser, der ähnlich der Ophelia von John Everett Millais in offenbar vergleichsweise klarem Wasser sein Ende gefunden hat? Doch, hat er es denn überhaupt gefunden? Badet er nicht nur? Planscht und hält uns alle zum Narren?


 

Mehr denn je spielt die Künstlerin virtuos mit der Verunklärung von Situationen, mit der Verunsicherung der Betrachter ihrer Bilder. Schien in ihren früheren Arbeiten das Verhältnis Mensch-Tier zum Beispiel relativ eindeutig geklärt zu sein, etwa wenn im Bild „Weihnachten“ (2002) das Schicksal der in einer schäbigen Badewanne schwimmenden Karpfen durch das Vorhandensein von Küchenbrett und großem Messer vorhergesagt wurde, so ist das heute weder bei einem frei im Schlafzimmer umherlaufenden Wildschwein (Der Macho, 2009) noch gar bei einem Braunbären im Wohnzimmer (Der Kapitalist, 2009) eindeutig der Fall. Die atmosphärisch dicht gegebenen Räume verlieren durch ihre tierischen Okkupatoren ihre Integrität und Heimeligkeit: eine böse Verzauberung des Alltäglichen.




Und doch gibt es bei Ewa Kwasniewska immer noch und immer wieder auch den guten Zauber. Diese geradezu fühlbare angenehme Kühle eines schattigen Hausflurs, vor dessen Tür oder Fenster die Sonnenhitze gleißt. Zauberhaft auch, wie bei „Frauenzimmer“ das Licht in der Gardine, auf dem Sessel und dem Fußboden spielt.

 




Und unverändert bezaubernd die sehr erotischen, im extremen Hochformat dargebotenen Körperlandschaften: Verhüllt, überdeckt, umspielt von schwarzen Schleiern, die der Künstlerin in einer Zartheit gelingen, als wären es in der stillen Luft schwebende Rußfähnchen eben verloschener Kerzen.

Die Sinnlichkeit dieser Aktdarstellungen wird nicht erzeugt durch Zeigen, sondern durch Andeuten. Hier nur der Schwung einer Taille, dort ein Fuß... Vexierbilder, die den Betrachter einladen, sie zu entschlüsseln, mit den Augen die Textur von Haut und Stoffen zu erspüren. „Träumende Hügel“, „Betende Füße“, „Verwunschene Täler“, „Verschlungene Pfade“, so die beziehungsreichen Titel der vier Tafeln dieses   das Weibliche verklärenden Quadriptychons.

Die Finesse, das handwerkliche Können eines Künstlers wird mit besonderer Klarheit deutlich, wenn man seine Zeichnungen betrachtet. Zeichnungen sind erbarmungslos ehrlich. Kann man bei einem Gemälde unter Umständen den einen missratenen Pinselstrich übermalen, ihn kaschieren, von ihm ablenken, so ist das bei der Strenge der gezeichneten Linie kaum möglich. Jeder verkehrte Strich rächt sich. Auch vor solchem Hintergrund sei an dieser Stelle ausdrücklich auf die Skizzen und Zeichnungen von Ewa Kwasniewska hingewiesen. Im Gegensatz zu ihrer ersten großen Retrospektiv-Veröffentlichung mit Arbeiten der Jahre 1980 bis 2006 sind sie in diesem Buch zumeist nur klein und in der Marginalspalte wiedergegeben, doch sie sind alles andere als marginal. So können die flott aufs Papier geworfenen Landschaftsstudien im Nebeneinander mit den Ölgemälden problemlos bestehen. Die Struktur des Bodens, die Tiefe des Raumes, das entscheidende Detail: Die zumeist in hartem Schwarzweiß wiedergegebenen Zeichnungen schärfen den Blick für die farbigen Großformate, welche die skizzierten Formen weiterentwickeln und um das Licht in seinem ganzen herrlichen Nuancenreichtum ergänzen. Nicht nur beim Künstler, auch beim Betrachter. Man erhält überaus spannende Informationen zur Art und Weise, wie Ewa Kwasniewska ihr Arbeiten entwickelt.




Schließlich die Porträts. Bildnisse von Frauen, denen man meint, einen Wimpernschlag lang in die Seele schauen zu dürfen, ohne dabei indiskret zu sein. Immer spürt man das Vertrautsein von Modell und Künstlerin. Während es bei Jutta das hoffnungsvoll Fragende gewesen zu sein scheint, das Ewa Kwasniewska mit Erfolg einzufangen versucht hat, war es bei Ulla möglicherweise eher eine humorvolle Skepsis. Laura, die uns in diesem Buch zweimal begegnet, ist die personifizierte Freude. Ihr Lächeln überträgt sich auf den Betrachter fast automatisch.

 


 

Dann sieben Bildnisse völlig anderer Art: „Loveparade“ I bis V, „Allein“ und „Pubertät“. Psychogramme von als Ganzfiguren gegebenen jungen Menschen, die suchen, sich und ihr Gegenüber austesten, die noch in vielerlei Hinsicht „auf dem Weg“ sind. Von argloser Anmache bis „null Bock“ ist alles dabei. Kabinettstücke der Menschenmalerei.


 

Fast am Ende des Buches, in zurückhaltendem Format, eines der schönen Selbstbildnisse von Ewa Kwasniewska: Mit turbanartigem Kopfputz und hohem mondänen Pelzkragen bespiegelt sie sich selbst. Ihr verhangener Blick changiert zwischen Melancholie und verhaltener Heiterkeit. Sie fragt: „Bin ich?“ Man möchte antworten: „Ja, Gott sei Dank"

Berlin, 2010 | Rainer Laabs | Kunsthistoriker

FIGURATIVA

2005

Subtil erotische Frauengestalten - umspielt, verhüllt, überdeckt vom Zauberhauch schwarzer Schleier - korrespondieren in Haltung und Ausdruck mit der Stimmung der sie umgebenden Landschaft. Die Natur ist sozusagen in ihnen; sie sind ein in das Menschliche transformierter Teil der Natur. Die in exquisit nuancierten Farben gemalten Bilder sind Schmuckstücke der figurativen Gegenwartskunst. R.A.J.

 

 

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GEGEN DIE FARBENFLUT

Graumalerei von Ewa Kwasniewska

 

Als Kunstliebhaber und Kunstsammler schätze ich an den Gemälden von Ewa Kwasniewska die malerisch-technische Perfektion, die ausgewogene Komposition und vor allem die delikate Farbgebung. Ihr Farbspektrum ist nuancenreich und dezent, sozusagen natürlich und dabei von herrlicher innerer Leuchtkraft, die immer neue visuelle Sensationen generiert. Ziemlich irritiert bin ich deshalb von einer Serie ihrer jüngsten Werke: Gemälde ohne jede Farbe, Bilder in Grisaille-Technik.

Die Graumalerei wurde insbesondere in der Tafelmalerei des späten Mittelalters und in der Renaissance verwendet, um illusionistische Wirkungen zu erzielen. Ewa Kwasniewska setzt illusionistische Effekte vorsichtig ein; in erster Linie benutzt sie Grautöne in feinen Helligkeitsabstufungen bis hin zu Weiß, um Formen, Texturen und Licht auf virtuose Weise herauszuarbeiten; aber eben alles grau in grau.

Erst bei längerer Betrachtung öffnen mir diese Grisaille-Bilder die Augen für einen Zustand, der mir vorher nicht bewußt war, daß wir nämlich in einer mit Farben überschwemmten Welt leben: In Signalfarben brüllende Werbeplakate, Firmenschilder, Verkehrszeichen, Hochglanzmagazine, Printwerbung, Fernsehen, Internet, Kinderspielzeug, selbst Neuzüchtungen von Begonien und Rosen überbieten sich in schrillen Farben. Genauso wie Lärm eine gesundheitsgefährdende Umweltverschmutzung ist, könnte man von einer farblichen Umweltverschmutzung sprechen.

Bewußt oder unbewußt protestiert die Künstlerin offenbar mit ihren Grisaille-Bildern gegen diese gedankenlose Farbenpanscherei. Sie treibt den Protest geradezu zur Provokation, wenn sie Farbe auch aus der natürlichen Umwelt verbannt. Aber trotz dieser außerordentlich reduzierten monochromen Malerei schafft sie durch Kombination von realistischen und abstrakten Bildpartien wirkungsvolle Aussagen.

Ihre Bilder appellieren an mich, farbliche Überfülle und vielleicht auch Überfülle in anderen Bereichen zu meiden. Das Wesentliche ist mit Wenigem zu erreichen, hier durch Begrenzung auf Form und Licht. In diesem Sinne sind die grauen Bilder Ewa Kwasniewska´s für mich gar nicht mehr so grau, sondern eine wertvolle Anregung zum Nachdenken und Meditieren über Lessness und befreiende Beschränkung.

Essen-Werden, im September 2012                                          

August M. Junggunst

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DER TEDDYBÄR MIT GASMASKE

  

 Der Teddybär mit Gasmaske ist keine Ausgeburt meiner Phantasie, er existiert tatsächlich. Zunächst war er ein ganz normaler Teddy. Ich hatte ihn vor Jahren für meinen kleinen Sohn Ryszard genäht. Eines Tages brachte mein inzwischen erwachsener Sohn eine Gasmaske (für Spezialisten: sowjetischer Bauart) vom Flohmarkt nach Hause und stülpte sie seinem seit Kindertagen heißgeliebten Teddybären über den Kopf.

Ich war erschrocken. Das niedliche Kuscheltier hatte sich in eine unheimliche Chimäre verwandelt. War das die Metamorphose der unbeschwerten Kindheit in ein furchterregendes Erwachsensein? Andererseits faszinierte mich der Gegensatz von hellen, weichen, flauschigen Strukturen und düsteren, kantigen, glatten Flächen. Und so arbeitete ich diese Figur in verschiedene Szenarien ein, die dadurch eine neue, andersartige Wirkung und Bedeutung erhielten. Man sollte mit der Interpretation der eigenen Bilder vorsichtig sein, so daß ich besser einige Gästebuch-Einträge einer Ausstellung der Arbeiten mit dem Teddybär-Motiv zitiere:

"Das ist ein Umweltaktivist. Er protestiert gegen die Verschmutzung von Luft, Boden und Wasser."

"Sind das Kindersoldaten oder blutjunge Männer, die in den Krieg geschickt werden? Weiche Seelen in Grausamkeit hineingepresst?"

"Ewa, bist Du der Teddybär? Willst Du Dich vor Situationen oder Menschen durch die Gasmaske schützen?"

 

Die Figur ist offenbar mehrdeutig. Es wäre interessant zu erfahren, welche Interpretationen Sie für sich finden.

 Essen,  Aug. - Nov. 2011                                                     Ewa Kwasniewska